Biografie meiner Gegenständen II

Biographie meiner Gegenstände II

Meine gelben Stiefel

Meine gelben Stiefel lassen mich nicht reden, sie sprechen statt mir, genauer gesagt sie schweigen schüchtern und ich muss den Tag aus dem Kalender streichen, wenn ich sie trage. Aber ich mag sie sehr, sie haben von keinem gemochtes, altes und entfärbtes, faltendes Gesicht.

Menschen den ich jeden Tag begegne, halten einen Schild „Ich habe keine Zeit“, man soll vom ersten Wort so selbstbewusst anfangen, dass sie für dich ihre wertlose Zeit spenden.

Man soll die fremde Sprache mit den Nuancen sättigen, dass sie deine Stimme in ihre akustische Welt reinlassen.

Diese Kommunikationstricks sind nicht in deinem Blut geboren, man soll sie langsam ins Gedächtnis tropfen lassen. So gut üben, dass die in deinem Bewusstsein tief eindringen und irgendwann wird das Bewusstsein in die unbewusste Alltagszeremonie verwandelt.

Denn, zehn mal den Arbeitgeber anzurufen, ist nicht unhöflich, sondern das heißt „Interesse zeigen“. Beim Vorstellungsgespräch falls man gefragt wird, ob man Glass Wasser trinken möchte, man soll lieber mehr fordern, z.B. Kaffee und wenn möglich auch Glass Wasser, das sind keine schlechte Manieren, nein, das ist fordernd, und wer fordernd ist, kommt gut nach hause!

Als erstes muss man den selbstbewussten Ton und die selbstsicheren Manieren erlernen, um die Schritte der gelben Stiefel zu ermutigen, ihr Gesicht aufzuhellen, wenn sie noch nicht an dem Zurückhalten chronisch krank sind.

Die Tasche

Ich mag meine Taschen nicht. Genauer gesagt, habe keine, die mir gefallen. Sie sind alle sehr praktisch, nur eine Sommertasche, eine rote, mit den chinesischen Zeichnungen, welche ich umsonst zu malen versuchte. Sie hängt immer auf dem Griff der Wohnzimmertür, wenn ich zu Hause bin. Sonst schleppe ich sie immer mit, obwohl diese Tasche zu meinen anderen Sachen überhaupt nicht passt, sie ist unpraktisch und klein. Und sie ist eigentlich für den Sommer und unpassend für den Winter, aber ich trage sie genau beim kalten Wetter, weil sie verblüht und verschmetterlingt meine Seele, deshalb bis zum Frühling wird sie nicht überleben.

Die selbstbewussten Schritte mache ich nur ein Paar. Danach ist meine Haltung wieder gelassen und meine Tasche auch kaputt. Mich erfühlt die Luft, das Licht und die Musik… und plötzlich verstehe ich, dass ich nur ein einziges angeborenes Talent habe – sich auf die kostenlose Sonne des Lebens zu freuen.

***

Auf dieser Straße laufen täglich tausende Menschen und Straßen vergessen sie, nach dem sie sich in die Schatten verlagern.

Wenn die fremden Straßen und die fremden Bäume meine Schritte speichern, ich mag das laut proklamieren, dass sie mich jeden Tag begrüßen und meine Augen erwärmen in dem Dschungel der Zivilisation.

Ich bin laut und fröhlich, denn es gibt doch fremde Gegenstände, die mich erkennen und anlachen. Ich fühle, dass ich eine Dienerin des Schönheitskultes bin und möchte hier und jetzt das Entdeckungsritual ausführen. Ich muss zur Bank und zum Bürgerservice. Da wird meine Persönlichkeit geprüft, da werden die Ziffern auf dem Bildschirm meine Emotionen zählen und addieren.

Dann gehe ich nach Hause, dann ins Zimmer rein, um mein Ritual zu vervollständigen. Ich atme die Gesichter der beschäftigten Menschen ein und dann weine ich, zugedeckt in meine blaue Decke, welche als Kultkloster mir dient. Die tanzenden Pfauen, das Glück und die Flucht.

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