300 Worte: „Das Wort und die Zeit“

u-bahnIn zwei Minuten kommt mein gelbes Pferd, die U6. Also ich habe genau 2 Minuten um nachzudenken, was ich von der Zeit halte und wie ich es während der Fahrt in die 300-Wörter-Post packen kann.

Ich habe es eilig, aber auch Zweifel, ob die Zeit ein Geist sei, den wir, Menschen uns ausgedacht haben? Vor allem mit der Hoffnung, mal seine Vergänglichkeit zu genießen und mal um sie zu trauern. Aus ihr haben wir sogar ein Messgerät und einen Maßstab geschaffen. Je schneller, desto besser ist es zu fahren, zu fliegen, zu rennen, zu arbeiten, zu lesen…

Was wir körperlich und geistig nicht mehr schaffen, überlassen wir den Maschinen. Aber dazu ist es uns wichtig, dass wir gemächlicher leben.. aber auch andauernd zielstrebig und leistungsorientiert bleiben…

Ein Freund von mir fragte mich einmal, „wie kommt es, dass die Deutschen im Urlaub nicht zu Ruhe kommen können? Backpacker, die mit der Lebenslast und mit dem schweren Gepäck auf dem Rücken in Georgien ankommen, in einem Zelt leben und kochen, wandern bis zum umfallen, und wenn sie sich abends ausgepowert erlauben den georgischen Vodka „Tschatscha“ zu trinken, lassen sie sich endlich fallen oder schlafen und das heißt Urlaub?“. Er selbst hat aber für seine intensive Teilnahme an Festlichkeiten immer die gleiche Ausrede: „ich musste trinken.“ Ja, er kennt das nicht, das man „muss“ in einem ganz anderen Kontext benutzen muss! z.B.:

– Wie geht’s dir?

– Muss, Muss.

Er wird es auch nicht verstehen, warum man etwas machen „muss“, außer sich feiern zu lassen? Ich weiß auch nicht, wo die goldene Mitte verläuft, oder wie man es erreicht, aber ich weiß, dass wir beide, der Autor und der Leser zu wenig Zeit haben. Die Zeit, die mich ständig verfolgt und die ich stets zu besiegen versuche, manchmal mit einer Post mit den 300 Wörtern.

2015 © Lela Chilingarishvili